
Flechten in unserer Landschaft
Die Welt der kleinen Lebewesen
von Hartmut Kempf, Suhl

Nur wenige Naturinteressierte haben steh, bisher die Welt der kleinen Lebewesen zugänglich gemacht. Zu den „kleinen Lebewesen" („Kryptogamen") gehören Moose, Pilze, Flechten und Algen. Dabei benötigt man für viele dieser Lebewesen eigentlich nur eine gute Lupe, um ihre Vielfalt und Schönheit zu entdecken und die Besonderheiten ihres Standorts zu erkennen.
Es gibt etwa 200-250 Flechtenarten im Mittleren Thüringer Wald, in dem auch das Biosphären-Reservat Vessertal liegt. Ähnlich artenreich sind auch die anderen aufgeführten Lebewesengruppen. Im NSG Vessertal sind ursprüngliche Arten noch nicht - wie in den intensiv genutzten und besiedelten Landschaften ringsherum - von gewöhnlichen und massenhaft auftretenden Arten verdrängt.
Mit dem Betrachten dieser Glieder der Natur stoßen wir auf Lebewesen, die uns punktgenau und oftmals sehr präzise die lokalen Umweltbedingungen anzeigen, die am Ort des Vorkommens vorherrschen und - weil sie meist viel sensibler auf geringste Schwankungen als höhere Lebewesen reagieren - über die Wirksamkeit von Kleinstmengen am Ort ihres Auftretens. Sie sind also ideale Umweltanzeiger! Was sind Flechten? Flechten sind Lebewesen, die aus einem Pilz und mindestens einer Alge bestehen, mitunter aber auch aus einem Pilz und zwei verschiedenen Algenarten. Diese bilden miteinander eine Art Symbiose - jeder Partner hat seinen Vorteil. Der Pilz liefert Spurenelemente und mitunter Wasser aus dem Substrat, die Alge liefert über Assimilation Traubenzucker an den Pilzpartner, dafür kann sie im Geflecht des Pilzes („Lager") einigermaßen sicher vor Fressfeinden sein und mit dem Pilzpartner Substrate besiedeln, die sonst keine Organismengruppe dauerhaft oder nur ausnahmsweise besiedeln kann, will senkrechte und überhängende Felswände, glatte und rissige Borke an stehenden Bäumen, Geröllhalden und Rohbodenstandorte oder gar technische Substrate wie Beton, Mörtel, Stahl, Zaunspfähle, Holzbohlen, Plastewände, usw.
An solchen extremen Wuchsorten wäre für alle anderen Organismen, selbst Moosen und Algen, die ständig wechselnde Verfügbarkeit von lebensnotwendigem Wasser ein ernstes Problem und verhindert die Besiedlung. Nicht so bei den Flechten. Sie können der Luft Feuchtigkeit entziehen und außerdem bei gar zu extremen Verhältnissen das Leben in einen Ruhezustand versetzen, ohne zu sterben. So halten sie im Trockenzustand -150 Grad Celsius und andererseits Temperaturen bis +100 Grad Celsius aus. Wenn es außerirdisches Leben gibt, dann sicherlich von der Art unserer Flechten.


Flechten unter der Lupe
Bereits eine gute Lupe erschließt uns in die Welt der kleinen Lebewesen, der Flechten, Moose, niederer Pilze und Algen in kaum erahnten Ausmaß und kann Naturinteressierte so fesseln, dass man höhere Lebewesen, die man lange Zeit im Blickfeld hatte, ein wenig zurückstellt.
Wer sich intensiver damit befassen will, wird den Weg zu vertiefender Bestimmungsliteratur finden und dann diese Welt im Aufsichtsmikroskop, zuletzt in einem größeren Mikroskop ansehen wollen. Dann benötigt man Mikroskopzubehör, wie Pinzette, Skalpell, Mikroskopgläser und Färbemittel. Stets ist aber der Weg vom Einfachen zum Komplizierten zu empfehlen, da die Welt mit den jeweiligen Hilfsmitteln erst einmal gründlich durchforscht werden sollte, bevor man sich an vertiefenden Studien der Mikrowelten wagt. Die hier angebotenen Exkursionen mit Lupen, Taschenmesser, Pinzetten und Tübchen folgen diesem Grundsatz und sollen Anfangserlebnisse ermöglichen. Dabei bleiben die „ höheren" Welten der Tieren und Pflanzen im Blickfeld. Weil dabei so viel Neues zu sehen ist, bleiben die zurückgelegten Strecken eher gering und für jedermann zu schaffen.


