zur Navigation | direkt zum Inhalt
Logo Vessertal
Logo des Freistaates Thüringen

Lebensraum Bergbach

Bergbach

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach ...

Manche Erinnerung verbindet sich mit einem Bach, mit fließendem Wasser. Die Gedanken wandern: klares, schnellfließendes Wasser, Sommerfrische im kühlen Grund, flinke Forellen zwischen den rund gewaschenen Steinen, Wasserräder bauen ...

Bäche sind aber noch viel mehr – sie sind Teil des Wasserkreislaufes der Erde, Lebensräume und Lebensadern und natürlich Motiv im Volkslied.

Miniwasserfall 

Wir möchten Ihnen diesen Lebensraum nahe bringen und Sie anregen, Bergbäche im Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald selbst zu erleben. Sicherlich entdecken Sie in der Natur viel mehr, als in diesem Faltblatt beschrieben werden kann.

Quellgebiet Thüringer Wald

Der Thüringer Wald erhält aufgrund seiner Höhe und seiner Lage quer zur Hauptwetterrichtung (Staueffekt) reiche Niederschläge. Der Abfluss erfolgt überwiegend oberirdisch. Damit ist das große Gebirgsmassiv ein bedeutendes Quellgebiet in Thüringen, welches in die drei Stromgebiete Saale-Elbe, Werra-Weser und Main-Rhein entwässert (siehe Karte).

Bach im MarktalTief eingeschnittene Täler weisen auf die Gestaltungskraft des Wassers hin. Erosion, Transport, Ablagerung, bei ständiger Zerkleinerung des Materials, sind Gestaltungsprozesse in der Natur, durch die das Gebirge ständig abgetragen wird. Seit Jahrmillionen. So gelangen Thüringer-Wald-Gesteine feingemahlen allmählich bis in die Nordsee.

Der niederschlagreichste Teil des gesamten Thüringer Waldes ist die Region um Oberhof bis nach Schmiedefeld. Hier befinden sich die meisten 900er Gipfel, mit einem enormen Auskämmeffekt von Feuchtigkeit aus tiefziehenden Wolken. Entsprechend überdurchschnittlich hoch ist auch die Dichte der Fließgewässer: teilweise über zwei Kilometer Lauflänge auf einem Quadratkilometer.

Das Biosphärenreservat hat an diesem wasserreichen Gebirgsmassiv einen gehörigen Anteil. Die Bergbäche im Biosphärenreservat münden in das Hasel-, das Gera-, das Ilm- oder das Schleuse-Einzugsgebiet.

Bergbäche im Biosphärenreservat

Die Bergbäche im Biosphärenreservat sind teils durch angrenzenden Wald oder die Ufervegetation beschattet und somit sommerkühl. Der Untergrund ist block- und geröllreich und bildet ein ausgeprägtes Steinlückensystem. Das Wasser ist ständig mit Sauerstoff gesättigt und, durch den basenarmen, silikatischen Gesteinsuntergrund bedingt, leicht sauer.

Fließgewässer und ihre Einzugsgebiete entwickeln typische Formen. Bedingt durch den geologischen Untergrund, die unterschiedlich widerständigen Gesteine, das Relief des Gebirges sowie das Abfluss-, Erosions- und Sedimentationsgeschehen. Die für das Biosphärenreservat charakteristisch geformten Talabschnitte sind in der Grafik stark vereinfacht dargestellt.

Bachstruktur nach Dr. Hiekel

Von den Quellen ...

Im Mittleren Thüringer Wald (Biosphärenreservat) tritt das Wasser meist in flächigen Sickerquellen aus dem Untergrund zutage. Durch Frostsprengung haben sich flache schottergefüllte Quellmulden herausgebildet, die oft mehrere Hektar groß sein können.

Quellflur im Winter

Im Wald sind die Quellbereiche eher unscheinbar. Das Gegenständige Milzkraut und Quellmoose bilden dichte immergrüne Horste. Wald-Schachtelhalm und Farne säumen die wasserführenden Rinnsale. In der offenen Quellflur prägen höherwüchsige Pflanzenarten das Bild, wie das Bittere Schaumkraut, die Waldsimse sowie verschiedene Seggen- und Binsenarten. Unterhalb der Quellbereiche fließen die Quellrinnsale zusammen und bilden den Bergbach.

... Talwärts ...

bemooste Steine im WasserDie oberen Bachabschnitte haben oft die stärkste Strömung im gesamten Bachlauf. Felsen, große Blöcke und grobe Steine prägen das Bild eines wildromantischen Bächleins. Farne und Moose besiedeln die stets feuchten felsigen Ufer. Im Bach sind vor allem Kleintiere heimisch, die sich gut an das turbulente Wasser angepasst haben. Mit Krallen, Saugnäpfen, abgeplatteten Körpern, steinbeschwerten Köchern und Haltefäden trotzen sie dem Wasserdruck.

 

frisch geschlüpfte Eintagsfleige

Möchten Sie einen Eindruck vom Leben im Bach erhalten? Nehmen Sie einen Stein aus dem Wasser und drehen ihn um: Sofort versuchen flinke Insektenlarven, dicht an die Oberfläche des Steines geschmiegt, auf die Unterseite zu entkommen. Graue oder braune Strudelwürmer (u. l.) gleiten amöbenartig über den Stein. Napfschnecken tragen wenige Millimeter große, mützenförmige Gehäuse, ihre Bewegungen sind kaum sichtbar. Köcherfliegenlarven, mit ihren aus Steinchen zusammengesetzten Köchern, krallen sich am Untergrund fest (u. r.).

 

 

Strudelwurm (Planarie)Köcherfliegenlarve

 

 

 

 

 

 

 

 

... zum Gebirgsrand

In den mittleren Bachabschnitten werden Talsohle und Aue breiter. Hier gibt es größere Ruhigwasserbereiche, ist das Leben im und am Wasser vielfältiger. Im flachen Wasser lauern die Larven der Zweigestreiften Quelljungfer, einer Libellenart, auf Beute.

Bachforelle

Bachforellen warten in leichter Strömung auf Insekten, die sie von der Wasseroberfläche aufnehmen. Bei einer Störung suchen sie blitzschnell Unterschlupf unter Erlenwurzeln.

Westgroppe

Bei der heimischen Westgroppe betreiben ausnahmsweise die Männchen die Brutpflege. Diese als „Rotzerte“ bekannten Kleinfische leben versteckt unter Steinen. Sie können sich, wie die meisten Tierarten im Bach, hervorragend den verschiedenfarbigen Untergründen anpassen. Solche Tarnkünstler sind oft erst zu entdecken, wenn sie flüchten.

Erelnwurzeln

 

Überblick über die Haupteinzugsgebiete im Thüringer Wald

Einzugsgebiete Thüringer Wald

 

Ökosystem Bergbach

Das Ökosystem Bergbach besteht nicht nur aus dem sichtbaren Wasserlauf. In den Talraum eingebettet bildet sich eine mehr oder weniger breite Aue heraus und ein oberflächennaher Grundwasserstrom begleitet den Bachlauf meerwärts.

Die Auen, hochdynamische Wasserwechselzonen, sind Übergangsbereiche, in denen sich Luft-, Land- und Wasserlebensräume treffen und ständig im Austausch stehen. Flach- oder Steilufer, Uferabbrüche, Flutrinnen, Überflutungstümpel, Altarme, Sand- und Kiesbänke und alte Schotterterrassen sind auffällige Bachbegleiter. In solch einem Biotopkomplex leben hochspezialisierte Arten und Lebensgemeinschaften. Andere Arten nutzen den Lebensraum als Ausbreitungs- und Wanderkorridor.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Bergbäche im Biosphärenreservat besonders artenreich sind. Über 500 aquatische Tier- und Pflanzenarten wurden beispielsweise in der Vesser nachgewiesen.

Hain-GilbweiderichSteinfliege

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

BachwasserläuferWasseramsel

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mensch und das Wasser

Das unwirtliche Gebirge hielt die Menschen in der Vergangenheit nicht davon ab, an den Bergbächen zu siedeln. Hier gab es reichlich Holz, Trinkwasser und die Wasserkraft. Die Wäldler legten Hütten, Hammerwerke, Mühlen und Siedlungen an und bewirtschafteten den Wald.

Die Bäche wurden den Nutzungsansprüchen angepasst. Sie wurden begradigt, eingezwängt, angestaut, überbaut, umgeleitet, verrohrt, gepflastert, leergepumpt und mit Abwässern und Müll belastet. Oft war die Selbstreinigungskraft der Bäche überfordert, das Wasser kaum noch trinkbar, die Gewässer streckenweise unter die Erde verbannt – das Naturwunder Bergbach wurde zum Pflegefall.

Heute werden überbaute Gewässer freigelegt, alte Anlagen abgerissen, die Durchgängigkeit wieder hergestellt, die Abwasserlast reduziert, Quellgebiete und Bachabschnitte saniert und unter Schutz gestellt.

Die Wasserqualität ist wieder gut bis sehr gut. Die Bäche außerhalb der Orte gelten mittlerweile als recht naturnah.

Auch in Zukunft werden einige Maßnahmen erforderlich sein, um die Bergbäche im Biosphärenreservat intakt zu erhalten und das Lebenselixier Wasser nachhaltig nutzen zu können.

Wasseruntersuchung

Natur selbst erkunden

Nehmen Sie sich an einem ruhigen Bachabschnitt etwas Muße zum Beobachten. Sie werden erstaunt sein. Nach kurzer Zeit können Sie auffällige Verhaltensweisen im bunten Treiben über der Wasseroberfläche unterscheiden: Fliegen, die in einem Schwarm stundenlang in einer ganz schmalen Bahn knapp über dem Wasser hin und her fliegen oder in einer Wolke unter Bäumen auf und ab tanzen. Immer wieder lassen sich verschiedenartige Insekten auf der Wasseroberfläche nieder – sie legen Eier ab. Gelegentlich saust ein dunkler Vogel mit schrillem Ruf vorüber: Es ist die Wasseramsel. Sie ernährt sich von Insektenlarven, die sie tauchend zwischen den Steinen erbeutet.

Es gibt in der Natur so viel zu entdecken und Kraft zu schöpfen für den Alltag. Viel Vergnügen im Biosphärenreservat.