
Lebensraum Bergwiese

Wiesen – Sinnbild für Farbenpracht, frisches Grün, gesunde Natur. Barfuss durch den Morgentau, im Gras liegen und den ziehenden Wolken zusehen. Kühe und Pferde auf der Weide und der bezaubernde Duft von Heu.

Ganz anders das Bild im Winter. Gleißender Schnee im Sonnenlicht, die weite, offene Landschaft auf Skiern genießen und Kindern beim Rodeln zusehen. Skihang und Rodelwiese heißt es jetzt.

All das können Sie hier erleben. Lassen Sie sich einstimmen auf die Faszination der Bergwiesen im Biosphärenreservat Vessertal-Thüringer Wald.
Lebensräume von Menschenhand
Die Wiesen im Mittleren Thüringer Wald sind nicht natürlichen Ursprungs. Mit der Besiedlung des Gebirges, die vor etwa 1000 Jahren begann, wurde Wald gerodet, Äcker angelegt und das Vieh in den Wäldern gehütet.
Im Winter verfütterten die Siedler ihren Zugochsen, Kühen und Ziegen Reisig aus dem Wald, Stroh und getrockneten Aufwuchs von den Rodungen. Dieser hatte wohl noch wenige Ähnlichkeit mit der Vegetation heutiger Wiesen. Erst allmählich besiedelten weitere lichtliebende und mahdertragende Gräser, Kräuter und Stauden der umliegenden Wälder, Moore und Bäche die Nutzflächen – dauerhafte Wiesenvegetationen entwickelten sich.

Als zum Schutz der Wälder vor Jahrhunderten auch die Waldweide eingeschränkt wurde, konnten die Wäldler ihr Vieh nur noch auf die Rodungen und Splitterflächen treiben und die abgemähten Wiesen nachhüten. Mit der Zeit ergab sich ein einzigartiges Grünlandmosaik aus Mähwiesen, Hutungen, Triften, Stand- und Umtriebsweiden.
Vielfalt auf kleinster Fläche
Das Wiese nicht gleich Wiese ist, sieht man oft erst auf den zweiten Blick. Dabei spiegeln Wiesen die verschiedenartigen Verhältnisse, die am jeweiligen Standort herrschen, recht augenscheinlich wider.
Standortbedingungen wie Wasserversorgung und Luftfeuchte, Nährkraft des Bodens, Chemismus des Untergrundes, Durchlüftung und Tiefe der Bodenschicht, Anteil von Humus und Steinen im Boden sowie das bodennahe Klima können auf kleinster Fläche wechseln. Zusätzlich spielen noch die geografische Lage, die Ausrichtung und die Höhenlage der Flächen eine Rolle.
Pflanzenarten mit ähnlichen Ansprüchen gesellen sich am gleichen Standort – Pflanzengesellschaften bilden sich heraus. Dabei kann eine Pflanzenart in mehreren Pflanzengesellschaften vorkommen, nur ihre Häufigkeit ist recht unterschiedlich und gegebenenfalls ihre Vitalität.
Aus der Vielfalt und dem kleinräumigen Wechsel der Einflussfaktoren auf einer größeren Wiese resultiert die Vielfalt von Pflanzengesellschaften mit oft unauffälligen Übergängen von Gesellschaft zu Gesellschaft – man spricht von einem Wiesenkomplex.
Hauptsächlich nach der Wasser- und Nährstoffversorgung werden Magerrasen, Frischwiesen, Feuchtwiesen, Nasswiesen unterschieden. Einige charakteristische Wiesengesellschaften des Mittleren Thüringer Waldes werden aus über einem Dutzend vorhandener nachfolgend kurz vorgestellt.



Frischwiese - Prototyp einer Bergwiese
Eine mäßige Bodenfeuchte (frisch) und mittlere Nährstoffversorgung kennzeichnen einen Standorttyp, der in allen Höhenlagen verbreitet ist. Die sich hier ausbreitenden Gebirgsfrischwiesen beherbergen die typischen Wiesengesellschaften des Mittleren Thüringer Waldes und haben auch den größten Flächenanteil im Biosphärenreservat. Diese blütenreichen Wiesen sind trittfest, eignen sich also auch für die Beweidung.
Die vorherrschende Wiesengesellschaft ist die Goldhaferwiese. Charakterarten sind Waldstorchschnabel, Bärwurz, Weicher Pippau, Waldrispengras, Rundblättrige Glockenblume, Johanniskraut und der namengebende Goldhafer.
In den Bergwiesen leben viele Tierarten. Vor allem Heuschrecken sind in den Frischwiesen zahlreich und hier auch gut zu beobachten.

Borstgrasrasen - Raue Schönheit
Nährstoffarme Böden sind in den höheren Lagen im Gebirge häufig. Diese oft grundwasserfernen Standorte werden durch hohen Niederschlagsmengen und die hohe Luftfeuchtigkeit mit ausreichend Wasser versorgt, so das auch hier das Wachstum von Wiesenpflanzen gut möglich ist.
Auf solchen Standorten gedeihen eher kurzrasige und recht lichte Wiesengesellschaften. Auffällig ist das horstbildende, raublättrige Borstgras, welches von Weidetieren gemieden wird. Im Sommer leuchten die gelben Blütenköpfe der Arnika (unten links) und die grünlich-weißen Dolden der Bärwurz über dem Pflanzenteppich. Weniger augenscheinlich sind weitere Charakterarten, wie Kreuzblümchen, Harzlabkraut, Blutwurz, Echter Ehrenpreis (rechts) und Pillensegge.


Auf den Borstgrasrasen lassen sich Charaktertiere der hiesigen Bergwiesen beobachten. Streicht man mit der Hand über das Gras, hüpfen kleine Insekten davon: Zikaden sind es, Verwandte der Heuschrecken.
Feuchtwiese – die Trittempfindliche
Grundwasser beeinflusste Böden, vor allem in den Tälern oder im Umfeld von Hangquellen, werden von verschiedenen staudenreichen Feuchtwiesengesellschaften besiedelt. Auffällig recken der rosa blühende Wiesenknöterich (rechts) und die goldgelb leuchtende Trollblume ihre Blüten empor. Andere hochwüchsige Arten wie Wiesenfuchsschwanz, Rauhaariger Kälberkropf, Mädesüß, Sumpfpippau gesellen sich dazu. Die feuchtesten Wiesenteile sind trittempfindlich und werden von der Beweidung ausgekoppelt.

Die hohen Stängel kommen netzbauenden Spinnen sehr gelegen. Sie hängen ihre Netze vertikal auf und erbeuten im Luftraum zwischen den Pflanzen ihre Nahrung.
Auf Weidepfählen oder anderen erhöhten Singwarten sitzend, kann zur Brutzeit ein brauner, sperlingsgroßer Vogel beobachtet werden. Es ist der Wiesenpieper (rechts). Er ist ein Charaktervogel der hochwüchsigen Bergwiesen und baut sein Nest gut getarnt unter überhängenden Pflanzen am Boden.
Ein Blick auf die Karte

Im Gebiet des Biosphärenreservats hat sich ein typisches Grünlandmosaik herausgebildet: Die Ortschaften sind von Grünland umgeben und in den Tälern ziehen sich lang gestreckte Wiesen-Weiden-Komplexe hin.
Artenreiche Wirtschaftsflächen
Grünland wird durch Mahd oder Beweidung genutzt. Je nach dem was überwiegt, heißen sie Wiese oder Weide. Wiesen und Weiden tragen recht verschiedenartige Pflanzengesellschaften. Auf Wiesen dominieren schnittertragende Pflanzen und auf Weiden tritt- und verbissresistente. Meist sind Wiesen artenreicher als Weiden, aber beide gehören gleichwertig in das Landschaftsbild des Thüringer Waldes.

Mit speziellen Methoden wird für einen langfristig guten Futterertrag gesorgt. Durch Düngen, Abschleppen, gelegentlich durch Entwässern, Bewässern und Abbrennen kann man die Nutzpflanzen fördern und die „unnützen“ dezimieren. Die Pflanzengesellschaften unterliegen so stark dem Einfluss der Nutzung, dass sich die Pflanzengesellschaften daran anpassen. Die durch die gebietstypischen, traditionellen Bewirtschaftungsformen geprägten Flächen genießen heute große Wertschätzung.
Grünlanderhalt und Bergwiesenschutz
Neben den traditionell genutzten, artenreichen Wiesen gibt es Grünland, auf welchem durch Umbruch und Neuansaat, durch besonders kräftige Düngung, zu häufigen Schnitt oder Überweidung nur wenige Pflanzenarten gedeihen.

Löwenzahnwiesen beispielsweise sind aufgrund hoher Düngergaben recht wuchskräftig aber artenarm. Zur Blütezeit eine Augen- und Bienenweide, haben sie aus botanischer und zoologischer Sicht eher geringen Wert. Ebenso der beliebte, an Gänseblümchen reiche, trittfeste Rasen rund ums Haus.
Das Gegenstück zur intensiven Nutzung sind ehemalige Wiesen und Säume, die gar nicht mehr gemäht werden. Sie liegen brach, verbuschen allmählich und werden wieder zu Wald.
Ziel im Biosphärenreservat ist es, den Grünlandanteil von derzeit etwa 9 % der Gesamtfläche zu sichern. Bunte Wiesen sind unverzichtbare Elemente der Kulturlandschaft Thüringer Wald. Ohne Wiesen wäre der Thüringer Wald sicherlich nur halb so attraktiv. Vor allem abgelegene Wiesen und Grünland auf Steillagen und auf nährstoffarmen Standorten werden immer weniger genutzt und drohen allmählich zu verbuschen.
Zusätzlich zum Flächenerhalt sollen durch Fortführung der traditionellen Wirtschaftsformen die gebietstypischen Bergwiesengesellschaften erhalten werden. In der Modellregion Biosphärenreservat werden Methoden erprobt und durch Forschungsarbeiten wissenschaftlich begleitet, wie traditionelle Nutzungen unter den heutigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen fortgeführt oder durch andere geeignete Maßnahmen ersetzt werden können.
Natur selbst erkunden
Um die Vielfalt der Wiesen im Biosphärenreservat näher kennen zu lernen, beginnen Sie am besten damit, eine größere Wiese vom Rand aus zu betrachten. Nach einer Weile des Schauens werden Sie Flächen mit hochwüchsigen Pflanzen von kurzrasigen unterscheiden können, helle Stellen von dunklen. Verschiedenartige Blüten und Fruchtstände zeigen verschiedene Pflanzengesellschaften an. Schauen Sie sich beim Nähertreten die vielfältigen Wuchsformen, Farben und Blütengebilde genauer an. Riechen Sie an den Blüten, erfühlen Sie die Blattstrukturen. Beobachten Sie, welche Insekten welche Blüten besuchen. Auch auf dem Wiesenboden gibt es viel zu entdecken: Käfer, Wiesenameisen, Grashüpfer und Zikaden, Blindschleichen und vielleicht auch ein Grasfrosch.
Kurzum: Wiesen sind reichhaltige Lebensräume und jederzeit einen Besuch wert. Wir laden Sie recht herzlich ein.


